Disziplin und Manneszucht

Dahms‘ Tattoo, Großaufnahme vom Werbeplakat
Frontmann Tomzek beim Neonazi-Aufmarsch am 1. Mai 2010 in Rostock

In Neubrandenburg sind derzeit in vielen Schaufenstern Plakate mit den Gesichtern zweier Neonazis zu sehen1. Bei den Postern handelt es sich allerdings nicht um die Vorboten des diesjährigen NPD-Landtagswahlkampf, sondern um Werbung für eine Kampfsportveranstaltung namens „Fight-Night“, die am 5. Februar das nunmehr fünfte Mal in der Neubrandenburger Stadthalle stattfinden soll. Dass Mitglieder der rechten Szene auf Gewaltsport stehen, ist nicht weiter verwunderlich – die Liste der Sponsoren für das Event überrascht dagegen schon.

Ob es sich bei dem „einzigartigen Event“ überhaupt um Sport handelt, dürfte umstritten sein. Insbesondere die Freefight-Kämpfe, bei denen fast alles erlaubt ist, halten nicht wenige für kommerziell verwertete Gewaltorgien. Die SpielverderberInnen von CDU und SPD setzten sich im mecklenburg-vorpommerschen Landtag gar für ein Verbot dieser Mixed-Martial-Arts(MMA)-Veranstaltungen ein2. Die Protagonisten dieses Kampfstils sehen dies naturgemäß anders, halten Boxkämpfe für gefährlicher und MMA für Prävention gegen Straßengewalt3. Neben dem Gewaltverherrlichungsvorwurf werden zumindest die deutschen MMA-Turniere auch hin und wieder mit der rechten Szene in Verbindung gebracht. 2005 legte das Antifaschistische Infoblatt die Rolle von Neonazis im „Fight Club Sachsen“ offen4. Einige Veranstalter und aktive Kämpfer ärgern sich über dieses Image5 und selbst der linke Freefighter Jesse-Björn Buckler hält die Aussage, dass sich von MMA mehrheitlich Neonazis angezogenen fühlen, für falsch. Der größte Teil des Publikums sei einfach nur sportbegeistert. Dennoch sieht er eine Attraktivität seines Sport für gewaltaffine Milieus wie Rotlichtszene, Rockergruppen, Polizeibeamte, Soldaten und extrem rechte Gruppen6.

Der Fight-Club Neubrandenburg7 als Veranstalter der 5. Fight-Night dürfte sich nun auch diesem Vorwurf ausgesetzt sehen. Auf dem Ankündigungsplakat posiert etwa der vorpommersche MMA-Kämpfer Silvio Dahms – standesgemäß Oberkörper frei – und präsentiert so ein tätowiertes Kameradschaftslogo auf der Brust.

Das KB steht für Kameradschaftsbund, das zweite B vermutlich für Bargischow und der Rest besteht aus in der rechten Szene beliebten Symbolen wie den Lebensrunen8, dem Weltenbaum9 und dem Zahnrad10. Bislang waren ähnliche Logos nur bei Aufmärschen auf den Kleidungsstücken von Neonazis aus Bargischow und Ducherow zu sehen, wie zuletzt bei einem Fahnenträger beim Neonaziaufmarsch am 01. Mai 2010 in Rostock11. Silvio Dahms ist die ultrarechte Clique offenbar so wichtig, dass er sich deren Zeichen in die Haut stechen ließ und öffentlich zeigt. Weniger auffällig aber nicht weniger überzeugt dürfte Denis Tomzek sein. Der Star des Abends ist nicht nur Gewinner mehrerer Titel, sondern offenbar auch aktives Mitglied der rechten Szene, unter anderem mit Kontakten zur mittlerweile verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ)12. Auch marschierte er am 1.Mai 2010 mit sechshundert anderen TeilnehmerInnen für die NPD durch Rostock.

Auch vor dem Ring erfreut sich MMA bei Neonazis einiger Beliebtheit. Bei einer der vorherigen Fight-Nights in Neubrandenburg war beispielsweise extra eine ganze Abordnung von Kameradschafts- und NPD-Mitgliedern aus Vorpommern angereist. Der Landtagsabgeordnete und Fraktionvize der NPD Tino Müller wagte für die MMA-Kämpfe sogar den offenen Streit mit dem Landesparteichef Udo Pastörs. Dem Internetportal Endstation-Rechts zu Folge setzte sich Müller im Landtag für die Freefight-Kämpfe ein und schwärmte von „Disziplin und Manneszucht“. Pastörs hingegen findet sie „primitiv“ und nicht in „unseren Kulturkreis“ passend13.

Das Fight-Night-Plakat ist schon Gesprächsthema in Neubrandenburg und wird sicher auch die finanziellen Unterstützer der Veranstaltung unter Erklärungsdruck setzen. Zu den Sponsoren des Testosteron geschwängerten Haudruff-Events gehören überraschender Weise Jack Wolfskin, Möbelstadt Rück, der Klamottenladen Bodycheck, sowie einige Handwerkerfirmen. Sport ist Sport und Politik ist Politik wird es bei einigen als Begründung heißen. Wer Neonazis mit Kameradschaftslogo auf Plakate druckt und in der Stadt verbreitet, muss sich allerdings mehr einfallen lassen, um die damit einhergehende Normalisierung und Anerkennung im Umgang mit der rechten Szene zu rechtfertigen.

  1. Fight-Night-Werbeplakat [zurück]
  2. http://www.landtag-mv.de/dokumentenarchiv/drucksachen/5…/Drs05-2916.pdf [zurück]
  3. http://www.ostsee-zeitung.de/greifswald/index_artikel_komplett.phtml?SID=464681a0ea0076cae18b58c5213f842e&param=news&id=2710097 [zurück]
  4. http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/68/26.pdf [zurück]
  5. http://jungle-world.com/artikel/2009/19/34475.html [zurück]
  6. http://www.freitag.de/kultur/1014-freefight [zurück]
  7. http://www.fightclub-nb.de/news.html [zurück]
  8. http://de.wikipedia.org/wiki/Elhaz [zurück]
  9. http://www.dasversteckspiel.de/german1.html [zurück]
  10. http://www.dasversteckspiel.de/nazisymbole5.html [zurück]
  11. Fahnenträger mit Logo bei NPD-Marsch in Rostock am 1.Mai 2010 [zurück]
  12. Scan eines Kalenderblatts aus dem Jahr 2006 der inzwischen verbotenen HDJ [zurück]
  13. http://www.endstation-rechts.de/index.php?option=com_k2&view=item&id=4036:ritter-gegen-primitivling?-past%C3%B6rs-npd-watscht-m%C3%BCller-npd-ab&Itemid=358 [zurück]

1 Antwort auf „Disziplin und Manneszucht“


  1. 1 Jürgen Clausen 29. Januar 2011 um 9:47 Uhr

    Die Damen und Herren Sponsoren sollten sich selbst eine einfache Frage beantworten: Wie würde es konkret aussehen, wenn Deutschland von dieser Qualität Mitmensch regiert werden würde? Man kann es sich ausdenken. Wer kann das wirklich wollen?

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